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Lehrmeister aus dem Baukasten


Kleinen Firmen in Ostwestfalen fehlten die Fachkräfte. Deshalb bauten sie gemeinsam eine Berufsausbildung auf. Und exportieren das Modell inzwischen sogar nach China. 

 

Frust und Ratlosigkeit waren der Anfang. Stundenlang musste sich der Personalvermittler Markus Kamann im September 2000 die Klagen von Mittelständlern aus Ostwestfalen-Lippe anhören, Chefs kleiner Metallbetriebe. Sie brauchten dringend Fachpersonal. Aber sie konnten es nicht selbst ausbilden. Einigen mangelte es an den Kapazitäten: Weil ihr Maschinenpark ausgelastet sein müsse, könnten sie sich unproduktive Standzeiten für Lehrlinge nicht leisten. Anderen fehlten wegen der zunehmenden Spezialisierung Anlagen, die für die Grundausbildung wichtig sind, oder sie klagten über Bewerbermangel. Ostwestfalen ist typisch für die deutsche Provinz: Der Mittelstand ist stark, doch an Nachwuchs fehlt es. Besonders kleine Betriebe können im Wettstreit um Talente nicht mithalten. „Lassen Sie sich etwas einfallen“, bekam Kamann schließlich als Auftrag mit auf den Weg.

 

Der Wirtschaftsingenieur und Geschäftsführer des Paderborner Personalvermittlers GPDM kennt die Industrie und den Ausbildungssektor. Die Lehrlingsflaute macht Kleinbetrieben besonders zu schaffen. Bilden Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern mehr als 90 Prozent ihres Personals selbst aus, sind es in Betrieben mit weniger als zehn Mitarbeitern nur 17 Prozent, hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK ermittelt. „ Die Ausbildungsflaute hat häufig strukturelle Gründe“, sagt Kamann.

 

Sein Vorschlag: Das duale Ausbildungssystem aus Unternehmen und Berufsschule brauchte eine dritte Säule. Ein externer Dienstleister müsse alle Ausbildungsaufgaben während der Lehrzeit übernehmen. Kamann entwickelte rund 30 Lösungsbausteine, bündelte sie und führte seinen Auftraggebern „ Bang“ vor, das „berufliche Ausbildungsnetzwerk im gewerblichen Bereich“.

 

So sieht das Modell aus: Mehrere Unternehmen schließen sich zu Ausbildungszwecken zusammen. Kamann wird ihr externer Dienstleister. Er organisiert die Suche nach Bewerbern und hilft bei der Auswahl, stellt Ausbilder, vermittelt Übungszeiten in den Werkstätten oder übernimmt den regelmäßigen Austausch zwischen Unternehmen und Berufsschule. Kamann Auftraggeber gründen den Verein Bang und finanziert das Modell mit ihren Beiträgen. Im August 2001 nimmt das Netzwerk mit zehn Unternehmen und 15 Auszubildenden die Arbeit auf.

 

Wie Bang funktioniert, wird klar, wenn man Reinhard Jakobs trifft. Der Chef der Baumeister GmbH, einem Metall verarbeitenden Betrieb mit 16 Mitarbeitern, bildet in diesem Jahr 2008 zwei Konstruktionsmechaniker aus. Während Bewerbungen jahrelang ins Leere liefen, leitete Jakobs sie im Jahre 2008 direkt an Bang weiter. Die sammelten, luden Bewerber zum Vorstellungsgespräch ein, durchsuchten ihren eigenen Pool nach passenden Kandidaten, machten Jacobs rund 10 Vorschläge und standen dem Baumeister-Chef anschließend bei Auswahlgesprächen mit dem Nachwuchs zu Seite.

 

Auch der Berufseinstieg der Lehrlinge lief über einen von Bang organisierten Grundkurs: In einer externen Werkstatt lernten sie fräsen, feilen oder Pläne lesen. Erst nach vier Monaten kamen sie in ihren Ausbildungsbetrieb – mit dem „super Gefühl“, so Baumeister-Lehrling Fuad Moukhtari, „schon selbstständig arbeiten zu können und mehr Unterstützung als Last zu sein“. Auch sein Chef ist zufrieden. „ Die Qualität der Ausbildung kann sich mit der in großen Unternehmen messen“, sagt Reinhard Jakobs. „ Das könnten wir ganz allein nie leisten.“

 

Jakobs muss sich um nichts kümmern. Rund 3000 Euro pro Lehrling und Jahr zahlt er für die Rundumbetreuung an den Verein. Damit sind alle Kosten gedeckt. „Im eigenen Betrieb müsste ich pro Ausbildungsplatz im Jahr rund 15 000 Euro investieren.“ Das Netzwerk kann für jeden mehr ausrichten als jeder für sich allein. Selbst Defizite in den Berufsschulen, die mit dem technischen Fortschritt in den Betrieben kaum Schritt halten können, fängt Bang durch Zusatzkurse oder Nachhilfe auf.

 

Das Modell zeigt Wirkung. Die Prüfungsleistungen der bislang rund 400 Bang-Azubis liegen bis zu 15 Prozent über dem IHK-Durchschnitt. Weniger als fünf Prozent haben ihre Lehre vorzeitig abgebrochen – bundesweit sind es etwa 20 Prozent. Rund 95 Prozent blieben nach der Ausbildung im Unternehmen. Selbst kleine Betriebe folgen schon Markus Kamanns Idee, die besten Talente mit Stipendien für Meisterschulen oder ein Studium langfristig ans Unternehmen zu binden.

 

Der Erfolg spricht sich herum. Statt anfangs zehn sind jetzt 105 Firmen dabei, mehr als 220 Auszubildende werden von zehn Netzwerken betreut, in der Lebensmittel- und Getränkebranche (Bang Foodtec) wie in der Kunststoffindustrie (Bang Kubik). Jüngst hat Kamann eine Bang-Lizenz nach Fulda verkauft. Und selbst im Ausland konnte der Paderborner mit dem Modell landen. In Vietnam und Ägypten sind Netzwerke im Aufbau. In China läuft Bang, unterstützt von deutschen Unternehmen, seit 2004. „Eigentlich ist alles wie bei uns“, sagt Markus Kamann, nur einen wichtigen Unterschied gebe es. Die chinesischen Lehrlinge zahlen die Ausbildungskosten von mehreren Hundert Euro im Jahr selbst. „Und sie rennen uns dennoch die Bude ein.“

 

 


Quelle:

Brand1  - Mai 2009

Text: Kerstin Friemel



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